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WEGE DER SCHAFE

2012 vergriffen, jedoch in guten Bibliotheken verfügbar.
In der Rubrik "Die Buchvorstellung" stellen wir sehr empfehlenswerte Bücher vor.

     

Der neue Bildband "Wege der Schafe" von Dr. Hans Haid ist eine detaillierte Chronik mit faszinierenden Fotos über eine jahrtausendealte Hirtenkultur zwischen Südtirol und dem Ötztal. Da sich diese Website mit der Akzeptanzförderung für Wildtiere befasst, sei dieses Buch auch jedem bayerischen "Wildtiermanager" auf der Ofenbank zum besseren Verständnis der Mentalität eines Schafbauern empfohlen. Meine persönliche Erfahrung draußen ist, dass von Seiten der Bauern nach oft tradierter Voreingenommenheit gegenüber "Raubtieren" großes Interesse an sachlicher Information besteht.
Der Weg der Schafe zu uns in den Alpenraum beginnt vor etwa 10.000 Jahren im Gebiet des heutigen Irak. Prof. Jared Diamond verdeutlicht die Herkunft der Schafhaltung in "Der dritte Schimpanse" (1994/2007) Seite 323-325 anhand sprachlicher Wurzeln. "Owis" scheint die alte Schafbezeichnung gewesen zu sein. Der noch heute in Süddeutschland gebräuchliche Begriff "Aue" für Mutterschaf hat hier seinen Ursprung. "Ötzi", der neolithische Gletschermann, dessen mumifizierter Leichnam 1991 von Erika und Helmut Simon aus Nürnberg gefunden wurde, lag in der Nähe eines Bergübergangs, der in der steinzeitlichen Wärmeperiode für Schaftriebe genutzt wurde. "Ötzis" Zeitgenossen in den Alpen trieben Schafe und Ziegen auf hochgelegene Weiden, da diese in den Sommermonaten schneefrei und witterungsbedingt bereits baumfrei waren. Die Rodung von Urwald zur Anlage von Weideflächen war mit damaligen Beilen eine sehr mühsame und sehr zeitaufwändige Arbeit. Die Hauptsaison der Brandrodung war vermutlich das Frühjahr. Kostbare, tiefer gelegene Feldflächen mit Weizenarten und Erbsen an klimatisch günstigen Stellen mussten gepflegt, bewacht und nicht nur gegen hungrige Wildtiere verteidigt werden, was dauerhafte Siedler erforderte. "Ötzi" (Ergänzung: Im März 2011 wird eine neue Nachbildung des Gletschermannes vorgestellt. Während die erste Gesichtsrekonstruktion einen jungen Mann zeigt, verblüfft die zweite Abbildung durch ein Antlitz, welches wettergegerbt ist und auch zu einem heutigen hageren, alten Senner gehören könnte. Beide Interpretationen faszinieren und versöhnen etwas mit der schamlosen Darbietung der Mumie in Bozen.) war mit Ziegenfellmantel, einer Art gesäßfreien Leggins, Bärenfellmütze, Schuhen aus Bärenledersohle, Hirschhaut und einer Grasfüllung sowie einem "Regenmantel" aus Pfeifengras gut ausgerüstet. Ob es sich bei "Ötzis" Ermordung am Tisenjoch, mit Schulterblattdurchschuss eines Pfeils und sofort tödlicher Arterienverletzung (nach Dr. E. Egarter Vigl, Bozen), um Kämpfe im Zusammenhang mit herbstlichem Viehraub gehandelt hat ist meine Spekulation. Herbstliche Ernteüberschüsse in Siedlungen und zu diesem Zeitpunkt gut genährtes Vieh könnten ein Grund für damalige Raubzüge mancher Gruppen gewesen sein. (Ergänzung 2012: das Team um Prof. Dr. K. Oeggl, Innsbruck legt durch eine Pollenanalyse der Hopfenbuche das Frühjahr als Todeszeitpunkt fest.) Zu "Ötzis" Lebzeiten ging die Kultur der nomadischen Jäger- und Sammlervölker und die Verehrung der Bären mit "Schädelaltären" in Mitteleuropa zu Ende (derartige "Altäre" sind in der französischen Dordogne, der Fränkischen Schweiz in Nordbayern und in Höhlen Österreichs, Sloweniens und der Schweiz erhalten. Zum Thema "Bärenkult(ur)" siehe auch den antiquarisch erhältlichen Fotoband "Der frühe Tag" 1992 von Prof. Fosco Maraini mit der Inszenierung eines "Bärenschlachtfestes" des archaischen Volkes der Ainu auf den Inseln Hokkaido und Sachalin). In Nordeuropa war der "Bärenkult" bis in das 18. Jahrhundert lebendig. Im archäologischen Museum Frankfurt/Main gibt es zu diesem Thema bis zum 28. März 2016 eine neue Ausstellung.
Dem begeisterten und begeisternden Hans Haid gelingt mit "Wege der Schafe" mühelos eine weite Wanderung vom Beginn der Sesshaftwerdung des Menschen in den Alpentälern über jahrhundertealte Weiderechtsurkunden zwischen Schnals, Vent und Rofen zu heutigen Almen und hochgelegenen Höfen, deren Bewirtschaftung sehr viel Idealismus und Wagemut erfordert. Ein Foto erinnert mich an einen Schaftrieb in Nepal. Die Brücke über den Hintereisbach scheint jedoch wesentlich stabiler gebaut zu sein. Der Weg der Schafe folgt auch gewagten, natürlichen "Brücken" auf die andere Talseite - über nicht geschmolzene Schnee- und Lawinenbrücken, die herausfließende, eiskalte Gebirgsbäche überdecken. Nach Neuschnee wird von kräftigen Helfern eine schmale Gasse am Steilhang freigeschaufelt um den Schafen ein Vorankommen zu ermöglichen. Neugeborene, noch schwache Lämmer werden in speziellen Gestellen getragen. Der dokumentierte "Weg" über schneefreies Gletschereis ist nur in eine Richtung und sehr mühsam zu begehen. Es wird deutlich, dass diese alte, ehrliche, auf realen Werten aufbauende und auch heute noch sehr schwere Art der "Fernweidewirtschaft" (Transhumanz) durch große Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht von Mensch und Tier große Ausdauer sowie Härte verlangt. Erschöpfung, schnelle Witterungswechsel, Neuschnee und Lawinengefahr erfordern von Hirten und Treibern ein hohes Maß an Eigenverantwortung sowie Verantwortung für die Herde. Ein hohes Maß an (Eigen-)Verantwortung schadet auch dem modernen "event"-Teilnehmer am Berg nicht. Der Autor hinterfragt die Vor- und Nachteile der anreisenden Menschenmassen für den Alpenraum, der in der jetzigen Wärmeperiode durch moderne Nutzungsarten stark in Mitleidenschaft gezogen wird. Die Abbildungen regionaler, massen- und lärmfreier Wallfahrts- und Gebetsstätten könnten auch für manchen Spirituelles statt entertainment suchenden "Pilger" zu unserer Zeitenwende interessant sein. Auch der Sagenteil, die Fotos steinerner Zeitzeugen und des weißen Berges Similaun verstärken den Wunsch sich nach der Schneeschmelze selbst auf den Weg zu machen und einige Tage auf den bereits Ende der 1990-er Jahre vom Autor ausgearbeiteten, archäologischen Wanderwegen zu gehen. Hans Haid würdigt auch einige markante Persönlichkeiten unter den Schäfern besonders, wie Josef Weiss (1910-2003), Gebrüder Hillebrand, Vinzenz Gurschler, Hans Götsch, Willi Gurschler, Fortunat Gurschler, Elmar Horer, Toni Pichler, Hans Niedermaier sowie Alfons Gufler (Originalzitat Haid: "Bauer aus Pfelders, im Sommer aber Hirt und Herr, Chef und Sir, Wissender und Weiser"). Der Autor schließt mit einem dringlichen Appell an Zusammenhalt und versäumt es auch nicht an die Absurdität der Verwendung neuseeländischen statt regionalen Schaffleisches in der Gastronomie des Ötztales zu erinnern. Mit Originaltonaufnahmen und Filmbeiträgen von Thomas Defner auf beiliegender DVD kommt der Weg der Schafe aus einer für die meisten von uns fremden, alpinen Welt zusätzlich beeindruckend in der Gegenwart an.

Michel Gengler
Unterschleißheim
Oktober 2008

Der Autor
 

Dr. Hans Haid

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Buch Braunbär

Michaela Skuban veröffentlicht mit "Dem Braunbären auf der Spur" ein exzellent recherchiertes und sehr umfangreiches Buch, welches nicht nur das Thema Herdenschutz aufnimmt. Selbst der Leser, der bereits viel Literatur zur Art Braunbär kennt, findet noch Neues zu aktuellen Bärenangriffen in Europa, Lebensweise und Mythos. Vielleicht will der Verlag in der 2. Auflage noch mehr farbige Fotos verwenden.

 
   

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